Scheisse finde langet nöd. Man(n) muss handeln.

Du erlebst auf einem Festival mit vielen Menschen eine Situation, die nicht in Ordnung ist und für eine andere Person ein unangenehmes oder übergriffiges Erlebnis sein könnte.
Du häsch recht, wends scheisse findsch, …
…dass din Kolleg seit “Ich wött sie eifach nur figge!”.
Die Person wird nicht mehr als richtiger Mensch mit Würde und einer respektvollen eigenen Sexualität gesehen, sondern als blosses Sexualobjekt – ein blosser Körper, an dem man sich einfach bedienen kann. Das kann man auch Objektifizierung oder Entmenschlichung nennen.
…dass din Kolleg ihre hinedrii rüeft “Geile Arsch!”.
Das ist verbale sexuelle Belästigung und führt dazu, dass Frauen und Mädchen bestimmte Orte im öffentlichen Raum (z.B. Festivals) meiden, sich nicht mehr unbefangen bewegen können und die Angst vor Übergriffen steigt. Es ist kein Kompliment.
…wie er ihre bim Verbiidränge ad Brüscht langet.
Eine solche, unerwünschte Berührung wird sexuelle Belästigung genannt. Das ist eine Verletzung der persönlichen Integrität und Würde. Sexuelle Belästigung kann zu Angstzuständen, Schlafstörungen, Depressionen, Verlust des Selbstwertgefühls und Beziehungsproblemen führen.

Sag darum: “Scheisse wieds machsch”
Die folgenden Handlungsansätze – disapprove, direct, distract, delegate und delay – stammen aus dem Konzept der "5 D’s Bystander Intervention". Dieses Modell zeigt auf, wie Personen, die übergriffiges Verhalten beobachten, unterstützend eingreifen können.

Zeig Flagge - Sei ein Freund der Haltung zeigt (disapprove)

Manchmal ist es nicht leicht, unter Freunden übergriffiges Verhalten anzusprechen – aus Angst vor Konflikten oder davor, die Freundschaft zu belasten. Viele Männer fürchten auch, schwach zu wirken, wenn sie „typisch männliches“ Verhalten kritisieren. Doch genau hier kannst du einen Unterschied machen.
Deine Stimme zählt: Männer hören auf Männer. Wenn du klar sagst, dass etwas nicht in Ordnung ist, setzt du ein wichtiges Zeichen und stärkst andere, die vielleicht dasselbe fühlen, aber nichts sagen.
So kannst du handeln:
  • Sprich ruhig und direkt, gern unter vier Augen.
  • Zeig, dass du respektvolles Verhalten wichtig findest.
  • Such dir Verbündete, die deine Haltung teilen. Gemeinsam seid ihr stärker.

„Typisch männlich“ kann auch heißen, Verantwortung zu übernehmen und andere zu schützen. Wenn du nichts sagst, wirkst du wie ein stiller Mitspieler – wenn du handelst, wirst du zum Vorbild.

Sprich direkt an - zeig, dass du da bist (direct)

Wenn du merkst, dass jemand belästigt oder bedrängt wird, kannst du mit klaren Worten helfen. Schon ein einfaches: „Hey, ist alles okay bei dir?“ kann eine grosse Wirkung haben.
So kannst du handeln:
  • Frag die betroffene Person: „Fühlst du dich wohl?“, „Soll ich bei dir bleiben?“, “Soll ich das Awareness-Team holen?”, „Wollen wir zusammen weggehen?“
  • Sag der übergriffigen Person ruhig und bestimmt, dass ihr Verhalten nicht okay ist: „Lass das, das ist sexistisch/respektlos.“, “Das ist kein Kompliment, was du gesagt hast”, “Hey, hör auf! Wir möchten hier eine gute Zeit haben.”
  • Zeig, dass du aufmerksam bist: „Ich habe gehört, was du gesagt hast – das ist nicht in Ordnung.“
Direkte Worte können übergriffigem Verhalten Grenzen setzen. Zudem wird den Betroffenen sofort das Gefühl gegeben: „Ich bin nicht allein.“

Sorge für Ablenkung - durchbreche die Dynamik (distract)

Manchmal reicht es schon, die Aufmerksamkeit wegzulenken, um eine unangenehme Situation zu entschärfen. Indem du die Dynamik kurz unterbrichst, kann die betroffene Person durchatmen und die Spannung wird gelöst.
So kannst du handeln:
  • Sprich die übergriffige Person mit einer belanglosen Frage an: „Hey, weisst du, wann die Band anfängt?“, „Kannst du schnell ein Foto von uns machen?“
  • Beziehe Andere mit ein und lenke die Aufmerksamkeit auf die Situation: „Habt ihr das gerade gesehen?”
  • Hol die betroffene Person aus der Lage: „Kommst du mit?, wir holen uns etwas zu trinken.“, “Wir suchen dich schon lange, wir müssen los!”, “Ich habe deine Karte gefunden und es Tamara gegeben. Soll ich dich zu ihr bringen?”
Deine Ablenkung kann wie ein kleiner Rettungsanker wirken und der betroffenen Person Zeit und Sicherheit geben.

Hol Hilfe - du musst nicht alles allein machen (delegate)
Wenn dir die Situation zu heikel oder unsicher ist, kannst du Verantwortung abgeben und andere einbeziehen. Es ist stark, um Hilfe zu bitten – nicht schwach. Awareness-Teams, Security oder andere Anwesende können schnell unterstützen, wenn du sie ansprichst.
So kannst du handeln:
  • Sprich das Awareness‒Team oder die Security direkt an: „Könnt ihr bitte dort vorne schauen? Da ist eine Person, die belästigt wird.“ (genaue Beschreibungen helfen)
  • Hol dir Verstärkung von Bekannten oder Menschen in der Nähe: „Komm mit, da läuft etwas, das nicht okay ist.“
  • Bei akuten Übergriffen: zögere nicht, den Ordnungsdienst bzw. die Leitung Sicherheit zu rufen.
Indem du andere ins Boot holst, setzt du ein klares Zeichen: Wir schauen hin – und handeln gemeinsam.

Frag nach - bleib auch später noch dran (delay)
Wenn du in der Situation nicht direkt eingreifen konntest, kannst du im Nachhinein trotzdem etwas bewirken. Ein paar Worte der Unterstützung können viel bedeuten.
So kannst du handeln:
  • Frag die betroffene Person: „Geht es dir gut? Kann ich dir irgendwie helfen?“
  • Biete ein offenes Ohr an: „Ich habe gesehen, was passiert ist. Möchtest du darüber sprechen oder soll ich wen holen?“
  • Zeig Mitgefühl: „Es tut mir leid, dass du das erleben musstest. Ich bin da, wenn du etwas brauchst.”
Auch ein kleiner Moment der Aufmerksamkeit danach kann für die betroffene Person ein Gefühl von Sicherheit und Anerkennung schaffen.

Allgemeine Tipps
  • Ein ruhiger und klarer Ton wirkt überzeugender.
  • Achte auf deine Körpersprache - entschlossen, aber nicht aggressiv.
  • Unterstütze Betroffene: Biete an, gemeinsam zu gehen oder Hilfe zu holen.
  • Hör zu, was die betroffene Person wirklich braucht – zu viel Hilfe kann sich zu aufdringlich anfühlen.
  • Bleib sicher – deine eigene Sicherheit hat Priorität. Wenn es gefährlich wird, hol Unterstützung.
  • Du bist nicht allein. Gemeinsam können wir sichere Räume schaffen.

Auf den Musikfestwochen gibt es für alle Fälle ein spezifisches Sicherheitsorgan:
  • Sanität
  • Ordnungsteam
  • Leitung Sicherheit
  • Kulturbegleitung

Du kannst an sie weiterverweisen, aber wir brauchen alle Augen und Ohren: Zivilcourage zeigen, einschreiten, weiterverweisen und Verantwortung durch Positionierung wahrnehmen.

Selbst beteiligt?
  • Wenn du auf dein Verhalten angesprochen wirst: Entschuldige dich – rechtfertige dich nicht.
  • Wenn du darüber sprechen willst: Such das Awareness-Team auf.
  • langfristig: Sprich mit Freunden und Freundinnen darüber und lerne darüber, was du an deinem Verhalten ändern kannst.
  • Nicht sicher? Achte auf die Körpersprache deines Gegenübers. Frag nach, ob die Situation für dein Gegenüber angenehm ist.
Diese Webseite und die dazugehörige Kampagne "meh mache" ist in einer Zusammenarbeit zwischen 'Die Feministen' und den Winterthurer Musikfestwochen entstanden. Kontakt und Rückmeldung: info@feministen.ch